Nous sommes Paris – Die globale Herausforderung

132 Tote und mehrere hundert Verletzte. So lautet die traurige Bilanz der Anschläge von Paris. Die französische Hauptstadt wurde zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres von radikal-islamischen Terroristen ins Herz getroffen. Neun Attentäter führten die Anschläge an acht verschiedenen Orten durch. Die Planung und Ausführung übernahm der IS. Dieser ist in der Lage innerhalb weniger Wochen mehrere verheerende Anschläge durchzuführen. Dabei gehen die IS-Terroristen gezielt gegen die Zivilbevölkerung der mit ihnen verfeindeten Staaten und Gruppierungen vor. So geschehen auch bei der Zerstörung eines russischen Flugzeugs und bei einem Bombenattentat gegen schiitische Zivilisten in einem von der Hisbollah kontrollierten Viertel von Beirut. Wie soll die zivilisierte Welt auf diese neue Eskalation des Terrors reagieren?

Man ist sich allgemein darüber einig, dass man das so genannte Kalifat, also das Territorium des IS in Syrien und im Irak zerschlagen muss. Über die Mittel herrscht allerdings Uneinigkeit. Während Russland und Frankreich unter dem Eindruck des Terrors, den beide Länder erleiden mussten, enger zusammen rücken und ihre Angriffe in Syrien verstärken, bleibt Obama dabei, dass seine Strategie gegen den IS funktioniert. Tatsächlich verzeichnen mit Hilfe amerikanischer Luftschläge vor allem kurdische Truppen Erfolge gegen die selbsternannten Gotteskrieger. In Syrien beherrschen die kurdisch dominierten und von den USA auch mit Waffen unterstützten Syrian Democratic Forces beinahe das gesamte Grenzgebiet zur Türkei und sind so in der Lage den IS empfindlich zu schwächen. Kämpfer für den IS und Geld durch Ölverkäufe kamen bisher hauptsächlich über diese Grenze. Im Nordirak ist es den Peshmerga und der PKK gelungen die Stadt Sinjar einzunehmen. Dort hat der IS vor über einem Jahr tausende Jesiden ermordet oder versklavt, was zum Beginn der amerikanischen Luftangriffe führte. Besiegt sind die Fanatiker des Islamischen Staates, das muss auch Obama eingestehen, noch lange nicht. Den Kurden fehlen genauso wie der syrischen und der irakischen Armee die Mittel zu einem schnellen Sieg. Dasselbe gilt für die zahlreichen mit dem IS verfeindeten Milizen im Irak und in Syrien. Vor allem viele der syrischen Rebellengruppen haben es schwer, da sie gegen den IS und die syrische Regierung kämpfen.

Relativ schnell könnte das Kalifat durch den Einsatz westlicher oder russischer Bodentruppen besiegt werden. Jedoch zeigt die Geschichte, dass solche Einsätze in den allermeisten Fällen mehr schaden als nützen, da sie die sunnitischen Muslime in Syrien und im Irak, welche ohnehin schon in Teilen mit dem IS sympathisieren noch stärker an die Gotteskrieger binden würden. Dass eine westliche Intervention, der Irak-Krieg der USA aus dem Jahr 2003, den IS erst entstehen ließ, sollte man ebenfalls nicht vergessen. Außerdem ist der IS längst nicht mehr nur eine Organisation die sich auf Syrien und den Irak beschränkt. Der Terrorstaat beherrscht um die Städte Sirte und Derna herum, bereits lybisches Territorium und ist auch im ägyptischen Sinai verankert. In Afghanistan und Somalia sind bereits Kämpfer von Taliban und Al-Shabaab zum IS übergetreten und in Nigeria schwörten die Fanatiker von Boko Haram dem IS-Kalifen die Treue. Von einem schnellen Sieg sollte die zivilisierte Welt also nicht ausgehen. Neben dem militärischen Kampf muss letztlich auch der Kampf um die Köpfe und Herzen der für die IS-Propaganda anfälligen sunnitischer Muslime gewonnen werden.

Dies gilt sowohl für den Nahen Osten als auch für Europa. Abschottung, eine stärkere Überwachung und der Generalverdacht gegen Flüchtlinge und praktizierende sunnitische Muslime sind dabei für den Kampf gegen den IS nicht förderlich und darüber hinaus mit den Werten der Europäischen Union nicht vereinbar. Natürlich muss gegen Dschihadisten hart vorgegangen werden. Dabei darf allerdings nicht das richtige Maß aus den Augen verloren werden. Dem IS darf es nicht gelingen die offene europäische Gesellschaft noch weiter zu spalten, als es bereits ohnehin der Fall ist. Den Strategen des IS ist nämlich eines klar: Mehr Misstrauen und Vorurteile gegen den Islam in Europa führen zu einer verstärkten Radikalisierung der Muslime, welche wiederum dem IS hilft. Dieser wird dadurch stärker und hat die Möglichkeit immer mehr Anschläge zu verüben, die wiederum das Misstrauen und die Vorurteile gegen die europäischen Muslime verstärken. Lässt sich Europa auf diesen Kreislauf der Gewalt ein, tut man dem IS einen großen Gefallen. Der IS muss, wo immer er operiert, bis zum Ende bekämpft werden. Die grundlegenden Werte unsere Gesellschaft dürfen im Zuge des Kampfes aber nicht geopfert werden.

 

Martin Amschl

Quellen:
//www.reuters.com/article/2015/11/14/us-france-shooting-timeline-idUSKCN0T31BS20151114#D6Ueeyysc81Qe0B0.97
//www.nytimes.com/2015/11/14/world/middleeast/sinjar-iraq-islamic-state.html

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